Ein Volksfeind: Ibsen und die Umweltpolitik

Gestern habe ich Ibsens „Volksfeind“ gesehen, diesmal im Gorki-Theater. Dasselbe Stück habe ich mir dieses Jahr auch schon in der Schaubühne angeschaut: Der Badearzt Dr. Stockmann wird in seinem heimatlichen Kurort schließlich als Volksfeind gebrandmarkt, nachdem er Gift in den angeblich heilenden Quellen nachweist. Der Klassiker ist brandaktuell. Bei Ibsen siegt die Macht des Geldes über die Wahrheit und jedes Gebot der Vernunft. Das kommt den Zuschauern mitten in der Finanzkrise zweifellos bekannt vor.

Brilliant. Und auch so ein Rechthaber.

Verstorben 1906 und hochaktuell.

Auf den zweiten Blick geht es auch um eine Arroganz des Rechthabers, der keinen Gedanken an die Konsequenzen des eigenen Handels für andere verschwendet. Dieses Dilemma interessiert das Bambisyndrom sehr. Dr. Stockmann kommt nicht auf die Idee, dass seine Erkenntnisse eine Katastrophe für die Bürger der vom Tourismus abhängigen Stadt sind. Letztlich bringen ihn nicht nur Gier und Korruption anderer zu Fall, sondern auch sein egozentrischer Dünkel. Das macht das Stück zu einer echten Inspirationsquelle.

Politisch sind die Guten und die Bösen oft leicht auseinander zu halten – das ist sehr schön. Aus Gewinnstreben durch den Ölsandabbau kanadische Flüsse zu verseuchen und anderen Menschen den Lebensraum zu nehmen, ist falsch. So einfach ist das. Aber leider kommt die Realität oft komplizierter daher. In Niedersachsen, wohin es das Bambi-Syndrom letztlich oft verschlug, ist der übermäßige Anbau von Energiepflanzen ein großes Thema. Die Vermaisung der Landschaft ist ein ökologisch fataler Irrweg, auch das ist ganz simpel. Die bösen Profiteure sind in diesem Fall aber in erster Linie kleine und mittelgroße ehemalige Milchbetriebe. Deren Besitzer sind sehr froh, durch die Verpachtung ihres Landes ein gutes und sicheres Auskommen zu haben, statt weiter für sehr viel Arbeit sehr wenig Geld zu bekommen. Genau das ist nämlich der Alltag kleinerer Milchbauern.

Unrealistischer Vorsatz zur Jahresmitte: Versuchen, öfter alle Seiten eines Konflikts zu sehen. Selbst wenn das anstrengend und kompliziert ist. Und sicher häufig zum Scheitern verurteilt. Aber auch das Bambi-Syndrom darf einmal nach den Sternen greifen…

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