Herumtrödeln: Von der Unnatürlichkeit des Zeitmanagements

Der Samstag verging ohne einen feierlichen Gedenkakt für Douglas Adams – jedenfalls für mich. Ob sich trotz Dauerregen zu allem entschlossene Fans auf dem Parkplatz des Gorki-Theater eingefunden hatten, habe ich nicht überprüft. Schade, aber an einem Regentag lässt sich gut herumtrödeln. Auch Douglas Adams war ein großer Trödler. Eines seiner bekanntesten Zitate lautet: „I love deadlines. I like the whooshing sound they make as they fly by.” Tatsächlich hat er seine Verleger oft Nerven gekostet, aber trotzdem können wir wie so oft von Adams nur lernen.

An dem bei Regen gemütlich verbummelten Wochenende bin ich durch Zufall auf das vor einiger Zeit bereits gelesene „Dinge geregelt kriegen“ von Kathrin Passig und Sascha Lobo gestoßen. Obwohl sich der Titel sprachlich am Duktus herkömmlicher Selbsthilfebücher orientiert, liegt den beiden nichts ferner als Hilfe beim Zeitmanagement anzubieten. Stattdessen stellen sie sich lobenswerterweise der Effizienzkultur in den Weg und enttarnen sie als naturwidriges Konstrukt.

Die tut nur so fleißig...

Die tut nur so fleißig…

Denn Fleiß und Strebsamkeit kommen uns zwar heute ganz natürlich vor, sind aber alles andere als dem Menschen in die Wiege gelegte Eigenschaften. Vermutlich haben außer in den Zeiten der Industrialisierung die Menschen selten so schuften müssen wie wir jetzt. Trotz aller technologischen Fortschritte arbeiten wir heute länger als die mittelalterlichen Zeitgenossen. Die hatten zwar teilweise einen langen Arbeitstag, der aber wurde stets von ausgiebigen Pausen unterbrochen. Sogar ein längerer Nachmittagsschlaf stand täglich auf dem Programm, wenn nicht gerade die Ernte eingebracht werden musste. Naturvölker arbeiten im Schnitt ebenfalls nur etwa halb so viel wie wir.

Deutlich schlimmer als Deutsche sind noch die Amerikaner. Die Soziologin Juliet B. Schor wies schon 1992 daraufhin, dass deren Arbeitszeit seit den 1980er Jahren konstant ansteigt, ohne dass sich Widerstand dagegen regt. Heute hofft Schor drauf, dass die in vielen Branchen durch die Krise erzwungene Kurzarbeit ihre Mitbürger wieder daran gewöhnt, dass freie Zeit nichts Furchteinflössendes sein muss. Tatsächlich sind noch nicht einmal die Amerikaner seit jeher von Natur aus Workaholics. Die vom Kellogg’s-Konzern in Zeiten der Depression eingeführte 30-Stunden-Woche blieb bis in die 1980er Jahre bestehen, weil sie Arbeitsmoral und Zufriedenheit der Mitarbeiter so sehr förderte… Auch ein mit Essen, Lesen und Fernsehen vertrödeltes Wochenende ab und an kann das Bambi-Syndrom in der Hinsicht nur empfehlen.

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