„Unter Menschen“: Neue Einblicke und offene Fragen

„Unter Menschen“ hat mich sehr beeindruckt: Unglaublich, unter welchen Bedingungen die Schimpansen fast 20 Jahre dahinvegetieren mussten, und noch unglaublicher, dass die meisten nach jahrzehntelanger Isolation von Artgenossen heute das Leben in einer Gruppe genießen können. Eine kritische Stimme zum Film kam von dem österreichischen Aktivisten Martin Balluch: Zum einen wies er daraufhin, dass die Dokumentation von dem Pharmariesen Baxter mitfinanziert wurde. Baxter ist der Rechtsnachfolger der Immuno, die für die Versuche verantwortlich war.

Zum anderen hatte Balluch vor zehn Jahren Kontakt zu einigen der Tierpflegerinnen, die schon für Immuno die Schimpansen betreuten und heute weiter mit ihnen arbeiten. Im Film beschreibt Renate Foidl, sie habe sich damals selbst gefangen gefühlt: Sie habe nicht gehen und die Affen in ihrem Elend allein lassen können. Balluch erinnert Foidl dagegen als eine Frau, die sich dem Tierschutz in den Weg stellte… Hat Renate Foidl sich in den letzten zehn Jahren verändert?  Und unabhängig davon, sie hätte damals mehr tun als mitleiden: Sie hätte Fotos von den Haltungsbedingungen der Affen den Medien zuspielen und damit den öffentlichen Druck auf Immuno erhöhen können. Das hätte den Schimpansen möglicherweise geholfen. Für Foidl wäre es mit großen persönlichen Risiken verbunden gewesen. Sie hat es nicht riskiert – darf, kann, muss ich sie heute dafür verurteilen?

Ein für mich völlig überraschendes positives Licht warf Balluch auf den Gnadenhof Gut Aiderbichl, der heute die Anlage für die Schimpansen unterhält. Gut Aiderbichl ist von soviel Kitsch und Kommerz umgeben, dass ich den Macher Michael Aufhauser als Tierschützer nicht mehr ernstgenommen habe. Das kann ein vorschnelles Urteil gewesen sein. Laut Balluch hilft Aufhauser Tieren zuverlässig schnell und unorthodox: „Da kann man immer mit 50 aus Legebatterien befreiten Hühnern spontan vor der Tür stehen und der findet eine Lösung und nimmt sie auf.“ Das können andere Gnadenhöfe nicht leisten – es fehlt an Platz und Geld. Aufhauser macht viel Geld eben mit dem Kitsch, der mich abschreckt. Wenn die Heile Welt-Show aber tatsächlich der guten Sache zugute kommt, verzeihe ich ihm sogar das Weihnachtsvideo.

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