Neues aus dem Großstadtdschungel: Was mein Balkon mit dem Klimawandel zu tun hat

Wie vermutlich ganz Berlin wird auch das Bambi-Syndrom am Wochenende endlich den Balkon begrünen. Dieses Jahr erstmalig, ohne dabei für Moorzerstörung verantwortlich zu sein. Erstmalig, weil ich zuvor schlecht informiert war: Auch der einfache Blumenerde-Einkauf ist politischer als gedacht.

Blockade: An ihm kommt kein Torf mehr vorbei.

Blockade: Ihm kommt kein Torf mehr unter.

Mehr als neun Millionen Kubikmetern Torf enden pro Jahr in deutschen Gärten, Gewächshäusern und Blumentöpfen. Hobbygärtner allein bringen mehr als zwei Millionen davon aus. Konventionelle Blumenerde besteht nämlich fast ausschließlich aus Torf. Aktuell kommen noch etwa zwei Drittel des Torfs aus Niedersachsen, der Rest wird aus Osteuropa importiert – mit steigender Tendenz. Deutscher Torf stammt überwiegend aus früheren Moorgebieten, die schon vor Jahrhunderten entwässert wurden, um sie landwirtschaftlich nutzen zu können. Davon jedoch gibt es auf lange Sicht nicht genug. Schon jetzt werden in Osteuropa lebendige Moore für den Torfabbau zerstört.

Für das Klima hat das Konsequenzen: Trotz jahrhundertelanger Torfgewinnung sind noch riesige Mengen an Kohlendioxid in den Moorböden gespeichert. Die vorhandenen Moorböden müssten damit vor weiterem Torfabbau schon deshalb geschützt werden, um dessen Freisetzung zu verhindern. Einmal in den Blumentöpfen  angekommen, wird der Torf sehr rasch mineralisiert und das Kohlendioxid freigesetzt.

Auch gärtnerisch wäre das vernünftig, denn Torf verbessert zwar die Durchlüftung des Bodens, kann ihn aber zu sauer werden lassen, da er extrem nährstoffarm ist. Frü­her haben Gärtner Substrate aus Laub- und Nadelerde, Kompost und Sand selbst gemischt. Erst seit etwa 1950 gibt es Substrate auf der Basis von Torf, der vorher hauptsächlich zum Heizen genutzt wurde. Aus Kompost mit Holzfasern und Rinden werden heute wieder torffreie Erden hergestellt. Die sind teurer, denn alles, was kompostiert werden kann, wird inzwischen in Biogasanlagen verbrannt, von denen Deutschland viel zu viele gebaut hat.

Aber die kleine Investition lohnt sich: Deutschlandweit sind bereits über 95 Prozent der einst 1,5 Millionen Hektar Moorfläche entwässert, abgetorft und ökologisch degradiert. Sie zu renaturieren dauert Jahrtausende, denn Moore wachsen extrem langsam. Ein intakter Torfkörper nimmt pro Jahr nur um einen Millimeter (!) zu; in 1000 Jahre entsteht ein einziger Meter Torf. Und der muss wirklich nicht im Blumenkasten enden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Klimawandel und Politik, Neues aus dem Großstadtdschungel, Umweltschutz, Urban Gardening, Verbraucher abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Neues aus dem Großstadtdschungel: Was mein Balkon mit dem Klimawandel zu tun hat

  1. KatjaK schreibt:

    torffreie erde war bis vor ein paar jahren gar nicht so einfach zu bekommen. konsequentes rumnerven kann sich aber lohnen: mancherorts gibts die erden schon im baumarkt.

    lieben gruß, katjak

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s