Neues aus dem Großstadtdschungel: Die Stadt als Prärie

„Fröhliche Weihnachten“ wünscht das Bambi-Syndrom und gibt die Weissagung der Mieter als Grußwort mit. Die Aufkleber entdecke ich seit kurzem überall in meinem Kiez. Hinter der Weissagung steckt „Wir bleiben alle“, ein großes Bündnis gegen die Verdrängung finanzschwacher Menschen und Einrichtungen aus der Berliner Innenstadt.

Erst wenn der letzte Baum gerodet... Das weckt Erinnerungen!

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet…  Das weckt Erinnerungen.

Die schönen Worte sind eine Parodie auf die angebliche Weissagung der Cree aus der Rede des Häuptling Seattle: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ In den 1980er Jahren war dieses Zitat in Westdeutschland allgegenwärtig. Es zierte Autos und Kühlschränke, und auf wessen  Federmäppchen die goldenen Worte nicht klebten, der war ziemlich sicher potentieller CDU-Wähler. Übernommen hatte die westdeutsche Umweltbewegung die Idee von US-amerikanischen Aktivisten.

„Die Mieter“ definieren die Innenstadt als ihren natürlichen Lebensraum, den sie brauchen und der auch nicht ohne sie sein kann. Angelehnt an das ebenfalls Häuptling Seattle zugeschriebene Zitat: “The earth does not belong to us; we belong to the earth.” Die Stadt gehört demnach keinem Menschen, aber die Menschen gehören zu der Stadt: Die Stadt ist die Prärie der Mieter. Das hat Charme.

Respektlos gegenüber den Native Americans sind die Aufkleber übrigens nicht. Beide Zitate stammen nicht von dem 1866 verstorbenen Seattle, sondern aus dem Jahr 1972.  Und aus der Feder des (nicht-indianischen) Drehbuchautors und Dozenten Ted Perry. Perry wiederum wurde inspiriert von einem Text, der die Rede des legendären Häuptlings  wiedergeben will. Zweifel sind allerdings angebracht, den der Überlieferer verstand kein Lushootseed, die Sprache Seattles. Ob und wie gut vor Ort übersetzt wurde, ist unbekannt. Was Seattle also damals wirklich sagte, bleibt weitgehend Spekulationen überlassen. Ted Perry wurde zu Seattles Ghostwriter.

Perry war es in der Folge extrem peinlich, dass seine Worte schließlich weithin für die authentische Rede des berühmten Häuptlings gehalten wurden. Allerdings, wie die Journalistin Ann Medlock richtig bemerkt, wer bitte hätte sich denn ein Zitat eines unbekannten amerikanischen Drehbuchautors an den Kühlschrank geklebt? Das mystische Element indianischer Weisheit fehlt der Berliner Mieterinitiative allerdings schmerzlich. Trotzdem frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr allen Berliner Mietern und Mieterinnen!

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