Mannsbilder und mutige Jäger: Als Ethnologin in Bayern

Mannbilder: Mut, Potenz, Jagdgeschick...

Mut, Potenz, Jagdgeschick…

Das Bambi-Syndrom war letztes Wochenende beruflich auf dem Land im tiefsten Bayern – und nebenberuflich als Ethnologin unterwegs. Im Dorf wurde gerade Kirchweih gefeiert und die Einheimischen trugen Tracht. Die Männer traten fast ausnahmslos mit Lederhosen und Gamsbarthüten auf, die Frauen im Dirndl. Dass Dirndl eine fesche Sanduhrfigur formen, ist kaum zu übersehen. Die männliche Tracht dagegen scheint der Berlinerin mehr skurill als sexy.

Aber Gamsbart und Lederhose symbolisieren  Männlichkeit, klärt die „Süddeutsche Zeitung“ auf: „…die Männer tragen Krachlederne, bei denen das Hosentürl durch prächtige Stickerei betont wird, vom Hirschfänger in der Tasche ganz zu schweigen. Traditionelle Motive der Tracht, wie Hirsche, Gämsen und Auerhähne – sie alle besitzen Symbolcharakter. Sie stehen für Stärke, Brunft und Geld. „Etwa 200 Gämsen müssen für einen großen Gamsbart sterben“, sagt Veiz [die Psychologin Brigitte Veiz, Anmerkung der Verfasserin].  „Das kann sich ein Mann mit geringem Einkommen nicht leisten.“

Viel Geld für eine Tracht hinzublättern, ist natürlich eine Ersatzhandlung moderner Jäger, die an der Börse statt in den Bergen auf die Pirsch gehen. Traditionell trug der den prächtigsten Gamsbart, der im Hochgebirge bei bitterster Kälte den größten Gamsbock erlegen konnte: „Die Jagd auf einen Bartgamsbock birgt nicht selten Gefahren, denn die besten Bärte wachsen auf den Ziemern jener Böcke, die in extremen Höhenlagen während der Brunft den winterlichen Wetterkapriolen und Kontrahenten trotzen. So wurde der Gamsbart zum Symbol für Mut und Männlichkeit…“

Besonders Steinböcke und Gämsen, hat mir einmal ein Wald-Experte und leidenschaftlicher Bayer erzählt, gelten den Jägern als mystische Tiere. Denn sie erklimmen noch die gefährlichsten Gipfel und paaren sich im tiefsten Schnee bei klirrender Kälte. Die Herzkammern der Steinböcke werden zudem durch Knochen getrennt, so dass sie ein knöchernes Kreuz im Herzen tragen – ein mächtiges Tier von Gottes Gnaden.  Wer einen Gams- oder Steinbock erlegen konnte, hatte sich als Mann und Jäger bewiesen.

... und muskulöse Beine - ein Mannsbild!

… und muskulöse Beine – ein Bild von einem Mann!

Ein bisschen schummeln können die Männer mit der Tracht außerdem. Schließlich muss auch der mutigste Jäger nicht perfekt gebaut sein. Der nette Bayer hat mir verraten, welchen Sinn die merkwürdigen „Wadenstutzen“ der Männer haben: Sie sollen kräftige, muskulöse Beine betonen oder solche vortäuschen. Die seltsamen Stulpen können Männer mit mickrigen Waden mit ein bisschen Watte unauffällig auspolstern. Es ist nur gerecht, wenn auch die bayrischen Männer mogeln. Der Dirndlausschnitt könnte Pate für den Wonderbra gestanden haben.

Gamsbärte, Hirschhornknöpfe und Wadlstutzen sind im Vergleich allerdings geradezu subtile Männlichkeitssymbole. Jäger finden online sogar Anleitungen, wie sie Schmuckstücke aus den Penisknochen erlegter Füchse, Marder und Dachse basteln können: „Die Rüden haben als weitere Trophäe das in Bayern sogenannte „Fuchs-, Marder- oder Dachsboandl“, welches früher als Fruchtbarkeitssymbol galt. Nach dem Abbalgen und Abschwarten kann das Boandl (Penisknochen) aus dem Fruchtglied herausgeschärft werden. Gut geht dazu ein Skalpell. Man sollte es ebenfalls leicht in einer mit Spülmittel oder Waschpulver versetzten Lauge abkochen und in mit Wasserstoffsuperoxyd getränkter Watte kurz bleichen, abspülen und wenn möglich in der Sonne trocknen.“

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