Novelle zum Tierschutzgesetz: Bauernverband bekämpft entschlossen fast nichts

Schützenswert!

Schützenswert!

„Es regt sich Widerstand“ titelt der Artikel auf der Seite des Bayerischen Rundfunks – Widerstand gegen die Novelle des Tierschutzgesetzes, das Mittwoch verabschiedet wurde. Zur Kritik gibt es in meinen Augen auch gute Gründe. Aber Thema des Artikels ist nicht das Aufbegehren dagegen, dass das Gesetz inkonsequent und nicht weitreichend genug ist.

Nein, die CSU empfindet schon diese Novelle als Revolution, die unbedingt verhindert werden muss und kanzelt Ilse Aigner öffentlich ab. So zitiert der BR den CSU-Abgeordneten Max Straubinger: „Wie eine Politikerin aus Oberbayern ein Jahr vor entscheidenden Wahlen eine solch belastende Regelung auf den Weg bringen kann, ist mir schleierhaft.“ Frau Aigner kritisiere ich auch gern. Aber mit welchen Einstellungen sie im heimischen Bayern konfrontiert ist, weckt in mir fast Mitleid. (Fast. Niemand hat Ilse Aigner gezwungen, der CSU beizutreten.)

Schon dass die Ministerin das schmerzhafte (und seit langem überflüssige) Brandzeichnen von Pferden verbieten will, empfindet der Bauernverband als unbotmäßige Einmischung. Denn der Schenkelbrand sei eine bäuerliche Tradition. Ja, und? Es war auch Tradition sich beim Barbier, sprich Frisör, ohne Betäubung die Zähne ziehen zu lassen. Ich trauere diesen Zeiten nicht nach.

Tatsächlich krankt das Gesetz an Inkonsequenz und Klientelpolitik. Der Zuchtbrand, die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung und das Ausstellen von Tieren aus Qualzuchten soll verboten werden. Zudem werden Zirkus- und Versuchstiere besser geschützt. Zentraler Bestandteil der Novelle ist beispielweise ein fast vollständiges Verbot der Nutzung von Menschenaffen als Versuchstiere.

Fühlt keine Schmerzen?

Fühlt keine Schmerzen?

Das klingt beim ersten Lesen gut. Aber schon die Regelungen zum Schutz von Versuchstieren kann man nur willkürlich nennen: Wir schützen bevorzugt Primaten, weil sie uns ähnlich sind, oder Tiere, die wir als Haustiere halten, wie Hunde und Katzen. Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften kritisierten in einer Stellungnahme, dass aktuelle Regelungen „die besondere Schutzwürdigkeit einzelner Tierarten nicht durchgängig am Ausmaß von deren Erlebnis- und Leidensfähigkeit festmache.“

Ergänzen muss man noch, dass die Leidensfähigkeit von Tieren in vielen Fällen kaum einschätzbar und eher kulturell als wissenschaftlich festgelegt ist. So wurde noch bis in die 1980er Jahre vielfach bestritten, dass Tiere überhaupt Schmerz empfinden können. Das scheint 2012 kaum vorstellbar. Heute gilt die Leidenfähigkeit „höher entwickelter“ Tiere als bewiesen. Stattdessen wird mit Hilfe vielfach interpretierbarer Beobachtungen begründet, wirbellose Tiere hätten kein Schmerzempfinden. Möglichweise wird dies im Jahre 2042 kaum vorstellbar scheinen.

Leicht zu ignorieren. Bild: ©MAQI

Leicht zu ignorieren. Bild: ©MAQI.

Noch skandalöser ist aber, dass die industrielle Massentierhaltung weiterhin kaum mit dem lästigen Tierschutz behelligt wird. Die Haltebedingungen unserer Nutztiere werden bis auf sehr vereinzelte Maßnahmen nicht verbessert. Die bei weitem größte Tiergruppe in Menschenhand wird von der Gesetzesnovelle zum Tierschutz ignoriert. Die Zahlen: In Deutschland wurden 2010 drei Millionen Versuchstiere getötet, und 740 Millionen (!!!) Tiere wurden zum Verzehr geschlachtet.  Dass Schweine, Schafe, Rinder und Hühner unter schlechter Haltung leiden, ist heute nicht mehr diskutabel. Ihr Schutz wurde fast vollständig außer Acht gelassen, um die einflussreiche Agrarindustrie nicht zu vergrätzen. Sollten wir diese Novelle nicht ehrlicherweise in Agrobusiness-Schutzgesetz umtaufen? Aber da hätte die CSU sicher wieder etwas zu meckern.

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2 Antworten zu Novelle zum Tierschutzgesetz: Bauernverband bekämpft entschlossen fast nichts

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