Männer, die immerzu Löcher graben

Nein, das ist keine dieser dämlichen biologistischen Betrachtungen angelehnt an das Ehepaar Pease. Es ist die wahre Geschichte eines Berliner Kunstraumes.

Das Projekt wird gerade von den beteiligten Kunstschaffenden aus bildender Kunst, Theater und Performance grundrenoviert und soll bald wieder eröffnet werden. Das Kunsthaus steht auf einem Grundstück mit einem verwildertem, verträumten Obstgarten.

Der Garten wurde jetzt durch zwei der Künstler aus seinem Dornröschenschlaf gerissen. Der eine, nennen wir ihn A, hat auf einem Teil des Grundstücks einen wunderschönen Blumen- und Nutzgarten angelegt. Zum Leidwesen einiger anderer, beispielsweise der Künstlerin B, weiten sich seine Beete immer mehr über das ganze Gelände aus; auch eine große Grube für einen Teich kam völlig unerwartet innerhalb eines Tages dazu.

Zudem hat A zusammen mit Künstler C noch in den Wintermonaten ein sechs Meter tiefes Loch in den Lehmboden gegraben. Auf dessen Grund können zwei Leute stehen und haben noch Platz für eine Wodkaflasche. A und C haben eine Hütte um ihre Zuflucht errichtet und sogar einen Ofen eingebaut. In Förderanträgen würde man das Loch eine Negativskulptur nennen. Die beiden haben aber ohne eine Finanzierung durch Fördergelder gegraben. Sie brauchen auch keinen Anreiz, im Gegenteil, das Graben macht süchtig. Es ist schwer, sie zu stoppen. Losgelassen würden sie das Grundstück komplett umgraben.

Nicht Wallraff, aber ganz unten.

Nicht Wallraff, aber ganz unten.

Genau das dürfen sie aber nicht: Denn Teile des Gartens sollen als Platz für Kunstaktionen und als Freiraum für Besucher einfach Wiese bleiben: Ohne Beete. Ohne Löcher. Ohne Teiche. Künstlerin B spielt jetzt die unattraktive Rolle der Stimme der Vernunft. Sie hat einen der Künstler schon nachts beim heimlichen Graben ertappt und ihm ins Gewissen geredet. Das hat ihr sicher noch weniger Spaß gemacht als ihm.

Ich muss nicht vernünftig sein und würde sie gern einfach weitergraben sehen: Ein breites flaches Loch mit Bänken beispielsweise. Tiefergelegte Beete, Hochbeete. Ein zwanzig Meter tiefes Loch mit einer Bar unten. Wenn A und C immer und immer weitergraben würden (und keine Gesteinschichten da wären 😉 ), kämen sie östlich von Neuseeland im Südpazifik heraus.

Laut Wikipedia kennzeichnete die Land Art „eine romantische aber auch eine explizit gesellschaftskritische Komponente. Dem Besitzbürgertum, das die Werke der bildenden Kunst nur noch als Spekulationsobjekte betrachtete, wollte man kein neues Konsumgut liefern. Man schuf deshalb in den abgelegenen Wüstengebieten Nordamerikas gigantische Erdbauwerke, die in keinem Museum, in keiner Galerie ausgestellt werden konnten, also weder transportabel, käuflich noch dauerhaft waren.“

Ohne als „vernünftig“ ins Auge springenden Grund ein sechs Meter tiefes Loch zu graben, ist auf mehr als eine Art romantisch. Es ist ein geheimnisvolles, aber sehr altes menschliches Bedürfnis, das sich durch die Geschichte zieht. Im Mittelalter haben Menschen an vielen Orten in Europa Gänge unter ihren Häusern angelegt, die bis heute rätselhaften Erdställe. Archäologen sind sicher, dass die engen Höhlen nicht als Vorratsräume, Wasserstollen oder für Bestattungen genutzt wurden. Denkbar ist, dass sie als Verstecke für die Bewohner dienten. Wahrscheinlicher aber handelte es sich um Kultstätten: Den Eingang zur Unterwelt vielleicht? Den Schoß von Mutter Erde?

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