Harald Welzer, der Klimawandel und die deutsche Grammatik

Mehr als 350 Menschen wollten auf dem McPlanet-Kongress am Wochenende mit Harald Welzer diskutieren, in einem Hörsaal, in dem maximal halb so viele bequem Platz gefunden hätten. Und zahlreiche enttäuschte Zuspätkommer drehten angesichts des aus allen Nähten platzenden Raums gleich wieder ab. Der Sozialpsychologe Welzer setzt sich seit Jahren damit auseinander, warum wir trotz aller Einsichten in die Problematiken von Ressourcenmangel und Klimawandel viel reden und wenig ändern. Ihn regt auf, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler zu den drängendsten Fragen der Zeit kaum etwas beitragen, sondern  den Naturwissenschaftlern das Feld überlassen. Und zum Glück ist Welzer ein Forscher, der nicht im stillen Kämmerlein schmollt.

Mit dem Buch „Klimakriege“ hat Welzer eine vielbeachtete (und überfällige) Soziologie des Klimawandels vorgelegt. Bekannt wurde er zuvor mit seinen Forschungen zu Gewalt und Erinnerung.

Auch auf dem Kongress hat er offensichtlich einen Nerv getroffen: Große Teile des Publikums hätten vermutlich selbst eloquent zu den Problemen des Klimawandels referieren können – und genauso viele werden trotz aller Einsichten immer wieder fliegen, Fleisch essen und andere Klimasünden begehen.

Welzer will uns nicht unsere Sünden vorhalten. Er hat genug mit seinen eigenen zu tun (und schreibt sehr schön darüber). Der Sozialpsychologe hat einen größeren Plan: Unser Leben zu politisieren. Statt Experten zuzuhören, wie sie Szenarien und Lösungsansätze diskutieren, sei es an der Zeit für den Einzelnen,  sich aktiv mit den eigenen Visionen für eine Gesellschaft der Zukunft auseinander zu setzen – und zu entscheiden, welche Technologien dazu passen. Das Private, in anderen Worten, ist das Politische, jeder kleine Schritt.

Der 54-jährige Professor hat im letzten Jahr seine akademische Karriere an den Nagel gehängt und die Stiftung „Futur Zwei“ gegründet, die alternative Lebensstile und Wirtschaftsformen aufzeigen und fördern will. Auf der Website finden sich kleine Geschichten zukunftsfähiger Projekte. Die werden sich verbreiten, hofft Welzer, und den Lesern helfen von der Einsicht zum besseren Handeln zu kommen. „Das sind kleine Beispiele. Aber unterschätzen Sie nie die Kraft der Geschichten.“

Futur Zwei oder die „vollendete Zukunft“: Welzer schlägt vor, sich zu fragen, wer man einmal gewesen sein möchte – und aus dieser  Perspektive zu überlegen, was heute im eigenen Leben notwendig als Nächstes kommt. „Das ist nämlich die Frage, ob ich Teil der Generation gewesen sein möchte, die den Planeten ruiniert hat.“ Welzer jedenfalls will einer gewesen sein, der Positives zu einer neuen Vision beisteuert. Mit seinen Büchern hat er das schon. Und auch seine Stiftung werde ich im Auge behalten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aus der Wissenschaft, Buchtipp, Klimawandel und Politik, Umweltschutz, Verbraucher abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Harald Welzer, der Klimawandel und die deutsche Grammatik

  1. Pingback: Vor dem Kollaps in der Böll-Stiftung | Bambi-Syndrom

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s