Natürlich schön bis zum Zusammenbruch

Einer der Werbespots, die mich aktuell am meisten aufregen, kommt von Vichy. Wenn eine Frau zuviel arbeitet und zu wenig schläft, wäre es ja eine Lösung, daran etwas zu ändern. Oder eben müde auszusehen. Weitgefehlt! Genauso weitermachen, rät der Konzern. Und in teure Apotheken-Kosmetik investieren, damit Frau trotz allem frisch und munter aussieht – bis zum Zusammenbruch stets natürlich schön…

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Waldsterben Reloaded: Ofen frisst Wald

Klimaneutral? Ja. Nachhaltig? Fehlanzeige.

Klimaneutral? Ja. Nachhaltig? Fehlanzeige.

Holzstapel überall! Wer kann, stellt sich eine Holzpellet-Heizung in den Keller oder einen Ofen ins Wohnzimmer, um „nachhaltig“ zu heizen und Geld zu sparen. Auch Holzheizkraftwerke gibt es immer mehr. Die verbrauchen das meiste Holz. Geplant waren sie für die Nutzung von Altholz. Aber soviel Altholz gibt es nicht. Also wird jetzt auch verfeuert, was frisch aus dem Wald kommt. Der Holzbedarf in Deutschland wird in den nächsten Jahren immer weiter steigen. Das klingt ja zunächst nicht schlecht, eine verstärkte Nutzung nachwachsender, klimaneutraler Rohstoffe…

Aber wegen des neuen Holzhungers werden heute noch die kleinsten Äste und Wurzeln mit Verwüstungen anrichtenden Maschinen aus dem Wald gezogen. Bislang blieben diese Holzreste im Wald, um dem Boden Nährstoffe  zurückzugeben. Und statt Mischwälder anzulegen, setzen die Förster inzwischen wieder verstärkt auf Fichten, Fichten und noch einmal Fichten – auch wenn die wegen ihrer flachen Wurzeln bei Stürmen einfach umkippen. Die Monokulturen müssen gedüngt und mit Pestiziden geschützt werden. Wer das überhaupt nicht brauchen kann, ist der Wald. Uns kommt es vor, als läge das Waldsterben lange zurück, aber Bäume leben eine andere Zeit. Der Patient Wald hat sich seit den 1980er Jahren nur sehr, sehr langsam erholt: Als Erfolg wird heute gefeiert, dass nur noch (!) 72 Prozent der Bäume bereits sichtbare Schäden aufweisen. Angesichts der Holzgier werden wir dieses mehr als magere Ergebnis nicht so bald verbessern können.

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Berlin: Nein-Sager und Bakterien

Den Volksentscheid über den Rückkauf des Stromnetzes ist gescheitert. Und dem Bambi-Syndrom ging es auch nicht gut. Aber der Reihe nach! Dass sich die Berliner tatsächlich gegen den Rückkauf entschieden hatten, mochte ich zunächst kam glauben. Obwohl einige Medien sich entschlossen pro-Vattenfall positionierten, habe ich diese Haltung nicht ernstgenommen. Auch die finanziellen Bedenken konnte ich nicht teilen: Bei dem Schuldenberg, der Berlin belastet, schien es mir auf ein bis zwei zusätzliche, zumindest sinnvoll investierte Milliarden wirklich nicht mehr anzukommen. Die meisten Berliner sahen das genauso… das lag, wie ich später feststellen musste, an meinem Wohnort. In meinem Kiez gab es kaum Nein-Stimmen. Im Berliner Südwesten hingegen, wo der Rückkauf am kritischsten beurteilt wurde, habe ich keine Bekannten. Interessant, wie auch in der Metropole ein Gebiet von der Größe einer Kleinstadt die Wahrnehmung prägt.

handKaum war der Schock verdaut, begannen Bakterien eine winzige Wunde in meiner rechten Hand zu besiedeln. Ein ambitionierter Kratzer führte zu einer Woche Antibiotika-Konsum und einer klobigen, unbequemen Handschiene. Trotzdem geht es mir relativ gut. In solchen Momenten ist die moderne Medizin ein Segen. Die alternativmedizinischen Schulen, die Antibiotika generell als Gift für den Körper verdammen, greifen zu kurz. Mit dem Gift: Unbehagen, Abgeschlagenheit und eine grässliche Schiene. Ohne: Abwarten, ob die Bakterien die Blutbahn überschwemmen und nur beten können, dass mein Körper in dem Fall die Sepsis überlebt… Vielen Dank an die Herren Fleming, Chain und Florey!

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Herbst in Berlin – Mundräuber trifft Laubmonster

Um meinen Jäger-Film gab es einige Aufregung unter den Waidmännern. Nachvollziehen konnte das kaum ein Nicht-Jäger: Die fanden den Film geschlossen sehr fair oder sogar „zu freundlich und ausgewogen“. Interessant, welche unterschiedlichen Wahrnehmungen aufeinanderprallen – als hätten die jeweiligen Parteien nicht den gleichen Film gesehen.

Sicherheitsrisiko? Lebe wild und gefährlich!

Rutschgefahr? Lebe wild und gefährlich!

Während sich in Online-Foren Jäger und Tierrechtler stritten, hat in Berlin endlich der goldene Herbst angefangen, auf den wir alle gewartet haben. Landbewohner stellen sich meist vor, Städter würden kaum etwas von den Jahreszeiten mitbekommen. Alles Unsinn: In den letzten Wochen habe ich nur noch in meinem Kiez selbstgepflückte Äpfel und Mirabellen gegessen, und in meiner Küche lagern Walnüsse aus der Berliner Innenstadt. Wer in der Stadt ernten will, kommt um Mundraub kaum herum. Auf dieser wunderbaren Seite kann jeder, der im öffentlichen Raum erntereife, essbare Früchte, Nüsse und Kräuter findet, den Fundort eintragen, damit sich dort auch andere bedienen können. Das klappt in der Regel gut – wer will schon den ganzen Pflaumenbaum allein abernten? Schwieriger wird es bei Delikatessen wie Maronen; da hatten dieses Jahr (wie, nur nebenbei bemerkt, letztes Jahr) immer schon andere Mundräuber alles abgeräumt, bis ich an Ort und Stelle war. Manches wuchert auch so omnipräsent in der Stadt, dass ich es gar nicht mehr bei Mundraub eintrage – Rucola wächst überall in Berlin mit solcher Entschlossenheit, als wolle er den Bären als Wahrzeichen ablösen.

Genauso üppig wuchert das Laub auf den Berliner Gehwegen: Wie schön, in der Herbstsonne durch die raschelnden, bunten Blätter zu laufen! Finde ich. Eine Touristin beklagte sich vor einigen Tagen unüberhörbar auf der Straße: „In München wird das gekehrt.“ Diese Bayern! Tatsächlich soll das Laub ein Sicherheitsrisiko darstellen. Dabei muss ich immer an diese Katzenfutterreklame denken, in der der Kater gefährliche Laubmonster jagt… Uns Berlinern wird das Laub (mit seinen Monstern) aber zum Glück noch erhalten bleiben. Die Stadtreinigung schafft es seit Wochen beispielsweise allein in meiner Straße schon nicht, Folgendes zu entfernen:

  1. ein kaputtes blaues Sofa mit großem Brandloch, inzwischen mit Graffiti verziert,
  2. zwei fleckige Matratzen, inzwischen nass,
  3. einen TV-Schrank aus Kieferfurnier mit Aufklebern, inzwischen schon fast zerlegt.

Und ich freue mich, dass der Müll wenigstens von bunten Blättern bedeckt ist.

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Bambi und die Jäger: TV-Tipp für morgen!

screenshotjagdkMorgen läuft ein Film des Bambi-Syndroms im NDR um 22.00 Uhr – und sei hiermit in schamloser Eigenwerbung empfohlen. Für den Film war ich u.a. mit auf einer Treibjagd, mit Vogelschützern auf dem Deich und in einer Schliefanlage. Auch neben dem Herrn links saß ich auf dem Hochsitz. Er erlegte nichts, Jagen kann heißen, an der eigenen Frustrationstoleranz zu arbeiten.Und bei stundenlangem bewegungslosen Verharren ganz langsam totzufrieren.

Wer den Film unfreiwillig verpasst, kann ihn noch einige Wochen lang auf der Homepage des NDR sehen. Ich freue mich auf Kommentare, auch kritische.

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Brandenburg: Gewalt und Verrohung überall

Was wäre diese Stadt ohne „den von hier“? Ärmer, in jedem Fall. Ich müsste mich bei der Redaktion bedanken für ein perfektes Beispiel des Bambi-Syndroms. Der Baum stürzt sich auf unschuldige Autofahrer und tötet sie aus purer Freude an der Bluttat. Sogar die peitschende Weide bei Harry Potter hat niemanden einfach so umgebracht. Dieser Baum ist ein Psychopath. Die armen Brandenburger, diese ganzen Dörfer voller Neo-Nazis, die hohe Arbeitslosigkeit, und jetzt greifen auch noch die Bäume an.

Über zwei der Opfer des bösen Baums berichtet der Kurier: Beides junge Männer, die nachts  über die einsame, dunkle Brandenburger Landstraße rasen… Einheimische, die wissen, wo die Radarfallen stehen. Genau die Menschengruppe also, die kaum je Unfälle baut, vor allem nicht nachts und am Wochenende.

Leider vermute ich, die arme Linde wird man bald fällen.

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Panzer vor Eigentumswohnungen: Kunst und Krise in Berlin

Willkommen in Berlin...

Willkommen in Berlin…

Ich liebe meinen Kiez! Nichtsahnend radle ich vor einigen Tagen nach der Arbeit heim und stehe vor einem gelben Panzer. Kreiert aus einem Bauschuttcontainer, einer Teppichrolle und einem Einkaufswagen. Postiert gegenüber einem hässlichen Bauwerk, das eine weitere Brache zupflastert. Sonst lehne ich Kriegsspielzeug ja ab, aber hier mache ich eine Ausnahme.

Aufgefallen ist mir auch, wie eng die Straßenkunst in diesem Fall mit der Land Art verwandt ist. „Natürliche“ Materialien der Stadt werden zur künstlerischen Intervention vor Ort verwendet. (Ja, dass es sich offiziell um Street Art handelt, weiß ich.) Ich bin gespannt, was aus dem Panzer wird. Wie lange bleibt er stehen und begrüßt die potentiellen Käufer der Eigentumswohnungen?

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Großstadtdschungel? Bald unter dem Beton

krawallEs gibt also Krawalle. Bald. Bei mir um die Ecke.

Denn leider sind die Chancen minimal, dass in meinem Kiez eine Baulücke kein teures Appartement-Haus wird. Tatsächlich sind die Würfel längst gefallen; ein Park ist ausgeschlossen. Ich kann kaum glauben, wie perspektivlos die Berliner Stadtplanung die Innenstadt ruiniert. Überall auf dem Planeten werden die Städte grüner, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. In Berlin dagegen wird betoniert, als lebten wir in den 1970er Jahren.

Ob Bürgermeister Wowereit auf diese Art seiner Jugend nachtrauert? Oder Kompetenz, Weitblick und Wissen um technische Zusammenhänge beweist, wie bei dem Bau eines Großflughafens?

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Neues aus dem Großstadtdschungel: Einwohner als wilde Tiere

20130821_190857Wir Berliner sind eigentlich Hunde. Oder Katzen. Oder Füchse. Jedenfalls sind wir keine großstädtischen Kosmopoliten, sondern territoriale Tiere. Aus Amsterdam zurückgekehrt, fallen mir die ganzen Anti-Touristen-Parolen viel mehr auf als vorher. Amsterdam ist wie London eine der beliebtesten Städte Europas und weit mehr von Touristen überlaufen als Berlin. Und doch verdrehen die Amsterdamer nur kurz die Augen, wenn wieder jemand den Radweg auf einem Leihrad blockiert, der zuletzt im Grundschulalter Fahrrad gefahren ist (und damals schon immer runtergefallen ist). Die Londoner bleiben auch höflich, egal was die Touristen anstellen. Gefasst warten sie, bis auch der letzte einer Reisegruppe begriffen hat, wie der Zugang zur U-Bahn funktioniert.

Berlin-doesnt-love-you2-1024x614Territorialverhalten dient dazu, das eigene Territorium gegen andere Tiere der gleichen Art zu verteidigen und gegen deren Territorien abzugrenzen. Auf diese Weise werden Nahrungs- und Sexualkonkurrenten auf Distanz gehalten, zusätzlich führt es dazu, dass sich die Art über eine größere Fläche verteilt.“ Genau… Die Touristenschwemme lässt die Mieten steigen, und die Besucher treiben generell die Preise in die Höhe. Also werden sie angeknurrt, in der Hoffnung, sie zu vertreiben. Ein bisschen peinlich finde ich das schon. Zudem der Revierkampf von Mensch zu Mensch schlechter funktioniert als bei den Füchsen. Die Touristen jedenfalls bleiben, kommen wieder wieder und bringen ihre Freunde mit.

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Bambi Goes West: Hitze in Amsterdam

Ich bin im heißesten Sommer seit Jahren in Amsterdam. So nah an der Küste sind Temperaturen über 26 Grad eine echte Rarität. Die Hitze lässt sich jedoch gut aushalten, wenn schon 30 Minuten Zugfahrt entfernt der Strand wartet. Aber ich merke der Stadt an, dass sie hohe Temperaturen nicht gewohnt ist. Überall ist es zu warm: Riesige Fenster ohne Vorhänge, wenig Schattenspender vor Cafes, viele offene Plätze ohne Bäume – die Amsterdamer köcheln konstant im eigenen Saft.

Hintereingang über den Balkon.

Hintereingang über den Balkon.

Mein persönliches Problem ist der Balkon. Meine Gastgeberin hat mich ausdrücklich gewarnt, im Viertel seine Einbrüche nicht selten, und ihre Wohnungstür ziert ein zusätzliches Sicherheitsschloss. Vom Treppenhaus aber muss ein Einbrecher nur über eine Mauer klettern, die auch ein Sieben- oder Siebzigjähriger mühelos meistert, und steht auf dem Balkon. Nachts bleibt also die Balkontür zu. Abkühlen kann die Wohnung so natürlich nicht! Ein simples Gitter würde schon reichen, aber nächtliches Lüften scheint wenig Priorität zu haben in einer Stadt, der Sommerhitze fremd ist. Liebe Hausverwaltung, angesichts des Klimawandels hätte ich da eine Anregung…

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